Im Fernsehen: „Vitus“ - Vom Abheben und Landen

geschrieben von cremeraltgeld | 19 Sep, 2009

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Sie schreiben? Sollten Sie das nicht aus naivem Spaß tun, sondern mit dem Gedanken spielen, berühmt zu werden, dann gibt es einen märchenhaften Königsweg: Schreiben Sie einen Roman über ein Wunderkind. Woher auch immer dieser Wunderkindhunger unserer Gesellschaft kommen mag, er ist da und lässt nicht nach. Jede Begabung zählt: sich blechern in die Vergangenheit trommeln. Die perfekte Nase besitzen. Die Mathematik in die Wiege gelegt bekommen, um die Welt zu vermessen. Selbst das ulkigste Derivat des Mozart-Romans verkauft sich.

Wollen Sie ein Drehbuch schreiben, gilt dieselbe Regel, aber weil Drehbücher symmetrisch sein müssen, kommt eine Erweiterung hinzu: Stellen Sie dem Wunderkind einen wunderlichen Großvater gegenüber. Zwischen kindlichem Großvater und weisem Kind liegt die schnöde Erwachsenenwelt. Es handelt sich im Grunde um den komplexitätsreduzierten Unterschied zwischen naivem und sentimentalischem Weltzugang: Kind und Großvater stehen konsterniert der Rationalität des rackernden Homo oeconomicus gegenüber, dessen Bilanzen sie spielend überbieten, ohne dass ihnen daran liegt.

Macht Schluss mit Hip-Hop!

Auch Fredi Murer, Peter Luisi und Lukas Suter haben sich bei ihrem Drehbuch über das Wunderkind Vitus an dieser Leitlinie orientiert. Murer agiert zudem als Regisseur, der die zuckrige Story in einen zwar zuckrigen, aber doch charmanten Film umsetzt. Das liegt an der perfekten Wahl der Schauspieler: Bruno Ganz als Villa-Kunterbunt-Großvater und der dreizehnjährige Konzertpianist Teo Gheorghiu als virtuoser Knabe. Den sechsjährigen Vitus mimt Fabrizio Borsani so überzeugend wie niedlich. Das Autorentrio hat dem schwerstbegabten Stöpsel multiple Talente angedichtet: Musikalisch genial ist Vitus, aber auch ein Wissens- und Rechenkünstler. Er soll mit zwölf Jahren das Abitur ablegen.

Doch „Vitus“ begnügt sich nicht mit der kindlichen Erzählperspektive, sondern fängt sie auf im Gegenblick. Julia Jenkins und Urs Jucker spielen die überforderten Eltern facettenreich und glaubhaft. Vom Mutterstolz bis zur Bewirtschaftung des Nachwuchses ist es nur ein kleiner Schritt. Der Vater interessiert sich für den eigenen Aufstieg. Bald überlagern sich Konflikte: Der vereinsamte Talentknabe entwickelt mit großväterlicher Hilfe ein Fluggerät. Ein Absturz bedeutet das Ende der Hochbegabung, eine Zumutung insbesondere für die Mutter. Zudem läuft es nicht mehr rund in Vaters Firma, und der Großvater wird auch nicht jünger. Doch Vitus versetzt alle in Erstaunen.

In seinen besten Momenten ist „Vitus“ eine Reflexion über das diffizile Verhältnis von Kindheit und Leistungsdenken. Möglicherweise werden ja nicht nur Wunderkinder als Geschenk, dann als Hoffnungsträger und schließlich als Bürde betrachtet, bevor man gleichberechtigt zueinanderfindet. Dieser Film jedenfalls macht Hoffnung, dass auch die schlimmsten „Yo Man!“-HipHop-Phasen vorübergehen.

Vitus läuft heute um 21 Uhr auf Arte.

Von Oliver Jungen

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